{"id":421,"date":"2012-10-15T18:14:49","date_gmt":"2012-10-15T16:14:49","guid":{"rendered":"http:\/\/dimitrakouzi.wordpress.com\/?p=421"},"modified":"2016-02-14T18:55:49","modified_gmt":"2016-02-14T16:55:49","slug":"die-ddr-ist-nicht-kalifornien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kouziproductions.com\/blog\/2012\/10\/15\/die-ddr-ist-nicht-kalifornien\/","title":{"rendered":"Die DDR ist nicht Kalifornien"},"content":{"rendered":"<h1>Doku \u00fcber Skater in der DDR<\/h1>\n<p>Von Knut Elstermann (Frankfurter Rundschau 1.8.2012)<\/p>\n<div>\n<div><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.fr-online.de\/image\/view\/2012\/6\/31\/16763318%2C13805394%2CdmFlashTeaserRes%2C1_roll-augen_Abdruck%2Bnur%2Bim%2BZusammenhang%2Bmit%2BTAC%2Berlaubt.jpg.jpg?w=474\" \/><\/p>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Marten Persiels dokumentarische Filmerz\u00e4hlung \u201eThis Ain't California\u201c lief als \u00dcberraschungshit auf der diesj\u00e4hrigen Berlinale. Er zeigt, wie sich in den 1980ern eine bis heute kaum bekannte Skater-Szene in der DDR etablierte.<\/p>\n<div>Die DDR bem\u00fchte sich nach au\u00dfen hin geradezu verzweifelt um eine Aura des \u201eWeltniveaus\u201c. Sie wollte ganz oben mitspielen, plusterte sich auf und w\u00e4re so gern einer der zehn f\u00fchrenden Industriestaaten der Welt gewesen. Manch einer hielt das tats\u00e4chlich f\u00fcr die Realit\u00e4t. Nach innen pflegte die DDR allerdings einen piefigen Provinzialismus, in dem schon die Sprache Bastionen gegen die westliche Lebensart bilden sollte.<\/div>\n<p>Der Begriff \u201egefl\u00fcgelte Jahresendfigur\u201c f\u00fcr Weihnachtsengel d\u00fcrfte zwar eine witzige Nachwende-Erfindung sein, aber die \u201eGrillette\u201c f\u00fcr den Hamburger und die \u201eKetwurst\u201c f\u00fcr den Hotdog gab es wirklich. Aus dem schnittigen Skateboard wurde das beh\u00e4big klingende \u201eRollbrett\u201c: eine im Grunde \u00fcberfl\u00fcssige Wortsch\u00f6pfung, denn offiziell existierten diese Ger\u00e4te in der DDR gar nicht.<\/p>\n<div id=\"GalleryTeaser16763376\">\n<h2>This Ain\u00b4t California<\/h2>\n<div><a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/fotostrecken-kultur,1473356,16763376.html\"> <img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.fr-online.de\/image\/view\/2012\/6\/31\/16763322%2C13804950%2CdmGalleryRes%2Cb07CONVERSE_SCHUHE_-copyright%2BWILDFREMD%2BPRODUCTIONS.jpg.jpg?resize=120%2C90\" height=\"90\" width=\"120\" \/> <\/a> <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/fotostrecken-kultur,1473356,16763376.html\"> <img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.fr-online.de\/image\/view\/2012\/6\/31\/16763676%2C13805313%2CdmGalleryRes%2Cb06Abdruck%2Bnur%2Bim%2BZusammenhang%2Bmit%2BTAC%2Berlaubt_co%2BMarko%2BMielke.jpg.jpg?resize=120%2C90\" height=\"90\" width=\"120\" \/> <\/a> <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/fotostrecken-kultur,1473356,16763376.html\"> <img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.fr-online.de\/image\/view\/2012\/6\/31\/16763690%2C13805343%2CdmGalleryRes%2CSkate2.JPG.jpg?resize=120%2C90\" height=\"90\" width=\"120\" \/> <\/a><\/div>\n<\/div>\n<p>Der Film \u201eThis Ain\u2019t California\u201c lief als \u00dcberraschungshit auf der diesj\u00e4hrigen Berlinale. Er zeigt wie sich in den 1980ern dennoch eine bis heute kaum bekannte, fantasievolle Skater-Szene in der DDR etablierte und wie die rollenden Bretter auch hier sehr viel mehr waren als nur Sportutensilien. Sie wurden zu Symbolen einer autonomen, subversiven Jugendkultur. Bezogen wurden die \u201eRollbretter\u201c im besten Fall aus dem Westen. Viele entstanden jedoch in emsiger Heimarbeit, liebevoll aus Holz und Rollschuhen zusammengebastelt und geschraubt. Diese kostbaren Unikate sind eindrucksvolle Zeugnisse ostdeutscher Findigkeit und Improvisationslust.<\/p>\n<p>In \u201eThis Ain\u2019t California\u201c rasen Dirk und Nico auf solchen Brettern durch die Plattenbausiedlungen Magdeburgs, sp\u00e4ter st\u00f6\u00dft Denis als Dritter im Freundschaftsbund zu ihnen. Er wird \u201ePanik\u201c genannt \u2013 womit sehr treffend das energiegeladene, unangepasste, anarchische Wesen des jungen Mannes beschrieben ist, der als Abwesender dennoch im Zentrum des Films steht. Er, der jeden Zwang, jede Ordnung, jedes feste System ablehnte, ist als Bundeswehrsoldat beim Afghanistan-Einsatz umgekommen. Sein Begr\u00e4bnis f\u00fchrt die Gef\u00e4hrten noch einmal zusammen. Sie erinnern sich.<\/p>\n<p>Von Magdeburg aus waren sie einst nach Ost-Berlin gezogen, hatten eine fr\u00f6hliche Wohngemeinschaft gebildet und die endlosen Leerfl\u00e4chen des Stadtzentrums f\u00fcr ihre Skater-K\u00fcnste genutzt. Besonders sch\u00f6n zu sehen ist das bei einer rasanten Abfahrt auf den gewaltigen Betonzacken am Eingang des Fernsehturms. Bis zur Euroskate 1988 in Prag, dem ersten Skater-Treffen im Ostblock, f\u00fchrte ihr von der Staatssicherheit beargw\u00f6hnter Weg. Kurz vor dem Mauerfall wurde Denis verhaftet.<\/p>\n<p>Der erste Kinofilm des Regisseurs Marten Persiel, der im Westen aufwuchs und selbst jahrelang als Skater unterwegs war, spiegelt das Lebensgef\u00fchl junger Leute in der Sp\u00e4tphase der DDR erstaunlich authentisch wider. Sie rieben sich nicht mehr am Staat und dessen ausgeh\u00f6hlten Idealen; sie ignorierten ihn, so gut es eben ging, und f\u00fchrten in der Nische ihr bewegtes Leben. Sie waren, wie die drei Freunde auf ihren Brettern, immer wendiger und witziger als die schwerf\u00e4llige Macht.<\/p>\n<div id=\"ContentImage16762546\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" alt=\"Diese Jungs f\u00fchrten ein bewegtes Leben in Berlin, Hauptstadt der DDR.\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.fr-online.de\/image\/view\/2012\/6\/31\/16762546%2C13805373%2ClowRes%2C25-01%252371-39739696.JPG.jpg?w=474\" \/><\/p>\n<div>Diese Jungs f\u00fchrten ein bewegtes Leben in Berlin, Hauptstadt der DDR.<br \/>\nFoto: Farbfilm-Verleih<\/div>\n<\/div>\n<p>Und so schildert der Film auch keinen verbissenen Kampf gegen den Staat, sondern die Normalit\u00e4t des Alltags, kurioserweise anhand des wirklich nicht allt\u00e4glichen Motivs des Skatens. \u201eThis Ain\u2019t California\u201c verteidigt den Wert gelebten Lebens, stemmt sich mit seiner Buntheit und Verspieltheit gegen das \u00fcbliche Einheitsgrau in der Darstellung von DDR-Verh\u00e4ltnissen und liefert fast nebenbei auch eine melancholische Liebeserkl\u00e4rung an eine relativ unbek\u00fcmmerte Jugend. Diese Zeit erscheint als eine Art Sehnsuchts\u00e4ra, welche die Helden dieses Films jedoch ebenso wenig wieder betreten k\u00f6nnen wie den verschwundenen Schauplatz ihres provokanten \u00dcbermutes, die DDR.<\/p>\n<p>\u201eThis Ain\u2019t California\u201c wurde vom Verleih als Dokumentarfilm deklariert. Der Film ist indes ein kleines Wunderwerk der assoziativen Montage, das trotz seiner kleinteiligen Vielfalt nie \u00fcberladen, beliebig oder verwirrend wirkt, vielmehr schwungvoll den Rhythmus der waghalsigen Skater aufnimmt.<\/p>\n<p>Seltenes Archivmaterial, private Super-8-Aufnahmen und gezeichnete Animationen verbinden sich mit gespielten Szenen \u2013 die allerdings nicht als solche gekennzeichnet werden und ein gewisses Unbehagen erzeugen. Nicht nur der angebliche Stasi-Mann sagt eindeutig auswendig gelernte Texte auf. Bei manchen Szenen schimmert die kunstvoll nat\u00fcrliche Inszenierung durch. Und so ist auch der Hauptheld, der im Krieg get\u00f6tete \u201ePanik\u201c, gar keine wirkliche Person, sondern ein Kompositum aus mehreren Biografien.<\/p>\n<p>Das provoziert grunds\u00e4tzliche Fragen. Welchen Bildern kann man hier trauen? W\u00e4hrend ihres Triumphzugs durch die Festivals r\u00e4umten die Filmemacher die Fiktionalit\u00e4t ihres Verfahrens scheibchenweise ein. Inzwischen sprechen sie offen von einer \u201edokumentarischen Erz\u00e4hlung\u201c, was es ganz gut trifft und diesem Film von Beginn an dienlicher gewesen w\u00e4re als die Verh\u00fcllung der Methode.<\/p>\n<p>Im sehr freien Spiel mit dem dokumentarischen und dem fiktiven Material gelang ja am Ende ein glaubw\u00fcrdiges Abbild des echten Lebensgef\u00fchls in der DDR, das Empfinden pers\u00f6nlicher Freiheit inmitten gesellschaftlicher Begrenzungen. Vielleicht stimmt in diesem Film so gut wie nichts, aber alles ist wahr.<\/p>\n<p><strong>This Ain\u2019t California, Dtl. 2012. Marten Persiel, Drehbuch: Marten Persiel, Ira Wedel, Kamera: Felix Leiberg. 99 Min., Farbe. FSK ab 12.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>(Frankfurter Rundschau 1.8.2012)<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Doku \u00fcber Skater in der DDR Von Knut Elstermann (Frankfurter Rundschau 1.8.2012) Marten Persiels dokumentarische Filmerz\u00e4hlung \u201eThis Ain't California\u201c lief als \u00dcberraschungshit auf der diesj\u00e4hrigen Berlinale. Er zeigt, wie sich in den 1980ern eine bis heute kaum bekannte Skater-Szene in der DDR etablierte. 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